Gute Literatur macht Verrücktheit und Erlösung anschaulich

Kürzlich lernte ich Renate von innen kennen. Ein Wunder, denn ich war in einer Outdoor-Jacke von Jack Wolfskin angetreten. Und doch hatte sie mir ihre Pforte bereitwillig geöffnet. Als ich Jacke und Hemd abgelegt hatte, wurde es wild.

Als es vorbei war, trat ich auf die leeren Straßen von Berlin. Es war nebelig in diesen frühesten Morgenstunden und um die gelben Laternen waren Heiligenscheine aus Dunst. Zusammen mit meinem alten Freund begann ich den Heimweg. Er trottete in Latzhose, Budapestern und kackbrauner Schlabberrentnerjacke neben mir her und wir suchten nach einem Späti für das letzte Bier aller Zeiten. Da eröffnete er mir:

„Du hast mein Leben verändert, Alter!“

„Was?“

„Ja, Mann, du hast mein Leben verändert. Ohne dich wäre ich jetzt nicht der, der ich bin.“

Auch wenn ich sie nicht recht verstand, berührten mich seine Worte.

„Wie denn?“

„Alles Mann, die Zeit mit dir in Köln. Vorher hab ich Fußball gespielt und Playstation gezockt.“

„Na und?“

„Alter, durch dich hab ich das erste Mal was anderes gesehen.“

„Was denn?“

„Alles, Mann, Jazz, Philosophie … Alter, die Zeit mit dir war der erste Wendepunkt in meinem Leben. Der zweite war Anna. Ohne euch wäre ich jetzt gar nichts.“

Wir kannten uns jetzt bald zehn Jahre. Ich konnte irgendwo nachvollziehen, was er meinte. Und doch schien es mir übertrieben.

„Du weißt nicht, wie es sonst gekommen wäre.“

„Nein, Alter, nein! Es gibt kein Sonst. Es gibt nur das eine Leben. Alles hat seinen Sinn. Ich musste dich treffen und ich musste Anna treffen. Und ich werde euch immer wieder treffen, bis in die Unendlichkeit, denn …“

„Ja, ja, Nietzsche, ich weiß. Aber was heißt das? Ich meine, ich freue mich natürlich, wenn es so war. Aber was heißt das?“

Er blieb stehen und sah mich an.

„Dass ich dich liebe!“

Er machte einen Schritt auf mich zu, umarmte mich und gab mir einen Kuss auf die Wange. Ich erwiderte die Umarmung, doch dann dauerte sie länger als Umarmungen zwischen Freunden gewöhnlich dauern und ich wurde unsicher. Ich ließ ihn wieder los.

„Ich liebe dich auch, Mann. Auch wenn das ziemlich schwul klingt.“

„Ach schwul! Alles ist Liebe, Alter. Das ganze Universum ist Liebe. Gravitation! Ist Liebe!“

„Das macht keinen Sinn, Mann! Es kann nicht alles Liebe sein. Liebe braucht Hass als Gegenteil. Und Gravitation braucht … Abstoßung … oder was da das Gegenteil ist.“

„Mann, Alter, du musst aufhören, nachzudenken. Glaub mir mal, alles ist Liebe! Guck mich an!“

Ich sah ihn an.

„Alles! Ist! Liebe!“

Seine Überzeugung hatte etwas Anziehendes. Aber ich schluckte den Köder nicht.

„Nein, Mann. Es kann nicht alles Liebe sein. Das ist einfach Quatsch. Es muss immer zwei Seiten geben, Ying und Yang, Hell und Dunkel und der ganze Scheiß!“

„Alter, ich sag dir, probier’s nur einmal aus. Das wird alles verändern!“

„Keine Chance, Mann. Niemals!“

„Du hast Angst! Aber daran werden wir schon noch arbeiten, wenn du erst mal hier bist!“

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