Fette Penne

Wie ist mein Himmel über Berlin? Grau! Denn es ist noch das Grau des letzten Jahres. Dieses Jahr begann anstrengend und hört nun anstrengend auf. Dazwischen lag ein griechisches Drama. Ach was, zig! – Monatelang keinen Schlaf, wochenlang keine Nähe. Dann plötzlich pausenlose Nähe und Schlaf den ganzen Tag. Kurz darauf wieder nichts davon. Schließlich China, mit einem Schlag tausende Kilometer weit weg katapultiert von meiner Familie. Und nach China kam wieder das Nichts. Jetzt also Berlin, vorgesehen als Startrampe des Phoenix. Doch noch hat der Flammenvogel die graue Firnis nicht abschütteln können. 

Ich kam an einem Sonntagabend an, den Kater des Wochenendes noch im Kopf. Zehn Kartons in den vierten Altbaustock haben dieses Problem allerdings gelöst. Danach war auch der letzte Schnaps ausgeschwitzt. Zur Belohnung gönnte ich mir erst mal eine Steinofenpizza … beim Türken! Das kann ja was werden hier!

Unruhige Nacht, ruhiger Morgen, erster Arbeitstag ok, aber voll gepackt mit neuen Namen und Passwörtern,  mit Fragen und viel zu vielen Kommunikationskanälen. Der Autist in mir verzieht die Mine und wendet sich der Wand zu, um zu schmollen. Damit macht er Raum für den Macher, doch der hat längst Fett angesetzt. Nur mühsam wirft er sich in medias res, macht grummelnd am ersten Tag die erste Überstunde und am zweiten die zweite.

Mir gegenüber meine Kollegin, die einzige, die ich habe. Sie war mal Sportseglerin und atmet, während sie spricht. Sie isst nichts und hat demnach auch nichts auszuscheiden. Ich dagegen rutsche ihr gegenüber auf dem Stuhl hin und her, geplagt von Blähungen und Unruhe. Die vielen leeren Tage in meinem bisherigen Leben, haben mich zum Flaneur gemacht, vor allem aber zum Dauerkonsumenten. Kaum habe ich den Tee ausgetrunken, beiße ich in den Apfel. Und zwanzig Minuten später in mein Butterbrot. Danach ein Wasser und dann ein Kaugummi, Hauptsache was im Mund. Eine Nachdenkaufgabe nutze ich, um auf meinem Stuhl herumzuturnen und einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Leider ist die Lösung bald gefunden und ich muss mich wieder setzen – „Ach, die Zeit auf der Baustelle hatte auch ihr Gutes!“

Am ersten Mittag gehe ich mit Leuten essen, die auf derselben Etage arbeiten. Die fette Sekretärin ist die einzige, die sich Salat bestellt. Alle anderen essen Pasta. Eine fragt nach Brötchen, doch die sind aus. Hämisch lachend stellt ihr der Besitzer des Bistros stattdessen Rosinenweckchen hin. Ich schaue seine Frau an, die hinter der Theke steht. Sie hat ein süditalienisches Gesicht und stopft sich während des Tellerbestückens beiläufig ein Salatblatt in den Mund. Dieser Akt von spontaner Menschlichkeit inmitten von überlegten Gesten und Abwehr überwältigt mich.

Das Ende des Essens wird zur Qual. Während aus den Lautsprechern Violinenmusik im Stil von Schindlers Liste schallt, lässt sich eine unserer Damen mit dem Aufessen ihrer Penne unglaublich viel Zeit. Alle warten auf sie, still und in Gedanken längst beim schnellen Kaffee vor der zweiten Halbzeit. Endlich hat sie es, aber nein, zu früh gefreut, jetzt muss sie noch aufs Klo. Augen rollen dahin, wo es keiner sieht, Seufzer werden nach innen geseufzt.

Die nächsten Pausen gehe ich allein spazieren. Beeindruckt entdecke ich die Gegend, in der ich nun arbeite: Um die Ecke das Auswärtige Amt, das Jusitzministerium und halbwegs wichtige Botschaften wie die von Kolumbien. Aber dann, nur eine Ecke weiter sieht es aus wie auf dem Kölnberg, dem berüchtigsten Asi-Viertel meiner Heimatstadt. Vergilbte Plattenbauten fußen auf Kik- und Lidl-Filialen und die Terrasse des Italieners ist mit Kunstrasen ausgelegt.

Aber so ist Berlin, hier schick, dort schäbig. Den Leuten scheint’s egal zu sein. Mir ist es auch egal. Und auch sonst bin ich längst ein Berliner. Mit Scheuklappen und vergrabenen Händen schlurfe ich morgens und abends in die U-Bahn-Schächte, zwar noch unsicher, auf welcher Seite ich einsteigen muss, aber dafür schon blind für all die Gesichter und Schicksale um mich herum. Alles ausblenden, nur schnell raus hier und nach Hause, abschalten.

Doch die Vergangenheit lässt sich niemals ganz verdrängen. Und so hat der einst gelehrige Portraitzeichenschüler  doch schon das eine oder andere Gesicht in der Bahnstation wiedererkannt, wie den Glatzkopf mit dem geröteten Gesicht und der kotzgrünen Jacke oder die unsichere Brünette mit den schwarzen Strumpfhosen, bei deren Anblick man sich unweigerlich vorstellt , wie ihr tagsüber der 50-jährige Chef zu nahe tritt. Sie spielt ein wenig mit, weil sie ja schon ganz gerne mal was aus sich machen würde. Aber kaum ist sie abends bei sich zu Hause zur Tür rein, sind diese Ambitionen vergessen und sie schlüpft in Häschenkopfpantoffel und rosafarbene Schlabberhosen.

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