Berliner Bierhaus

Ein Novemberabend. Ich kehre in ein Bierhaus ein, um mir die Zeit bis zu einer Verabredung zu vertreiben und es warm zu haben. Ein Barhocker direkt vor der großen Scheibe zur Straße wirkt einladend. Die blonde Frau hinter dem Tresen nickt mir zu und kommt rum.

„Hallo, was darf’s sein?“

„Ich hätte gerne ein Pils vom Fass.“

„Kriegste.“

Während sie mein Bier zapft, hole ich mein Notizbüchlein raus und beginne zu schreiben. Ich versuche es mit einem Gedicht, merke aber schnell, dass das nichts geben wird. Also schaue ich mich in der Kneipe um. Sie ist schummrig, teilweise beleuchtet von einem Leuchtband, das sich durch die Kante zwischen der Decke und der Wand hinter der Bar zieht. Links von der Bar ist es gelb, rechts, wo ich sitze, rot. Sein Schein fällt auf ausgeblichene Poster von lange vergangenen Boxkämpfen und auf zwei Typen um die 50 am Tresen.

„Hast du Olli in letzter Zeit mal gesehen?“

„Nö.“

„Wie geht’s denn Corinna?“

„Gut.“

Direkt vor meinem Tisch, rechts der Eingangstür blinkt Unheil verheißend ein Spielautomat, an der Wand neben mir steht unter der Fensterscheibe geschrieben:

„Sei wild und unerschütterlich. Jetzt. Sofort.“

Ich kann allerdings nicht sehen, wer mir diesen Rat gibt, denn der Rest des Plakats verschwindet unter meinem Tisch. Die Blondine, deren Gesicht schon deutliche Zeichen von Ablebung zeigt, setzt mir ein dunkles Bier in einem bauchigen Glas vor. Engelhardt steht drauf. Es schmeckt vollmundig. Ein kleiner älterer Mann kommt herein. Bei sich hat er einen schwarz-grau gescheckten Hund, der aussieht wie eine Dogge – nur kleiner. Der Mann zeigt vor einen Stehtisch fünf oder sechs Schritte weg von meinem:

„Na setz dich!“

Der Hund kauert sich hin, der Mann legt ab. Jetzt sieht man, wie dünn er ist. Seine verwaschene Blue Jeans wirft unter dem Gürtel Falten, sein Pullover ist eng geschnitten und schlabbert trotzdem. Er geht zum Nachbartisch und greift sich den Aschenbecher. Auf dem Rückweg schwankt er ein wenig. Er zündet die Zigarette an und ruft Richtung Bar:

„Guten Tag, die Herren! Moni, machst du mir bitte eins!“

Die Herren nicken ihm geschäftsmäßig zu, Moni sagt:

„Sicher!“

Ich höre einen der beiden Männer zischen:

„Den wirst du wohl nie mehr los.“

Moni verdreht die Augen.

Ich schaue wieder in mein Büchlein, ein Teelicht auf dem Tisch leuchtet mir dabei direkt in die Augen. In ein paar Sätzen umreiße ich die Szene von gerade, aber dann kommt es mir abgeschmackt vor, nur das aufzuschreiben, was soeben erst tatsächlich passiert ist. Die üblichen Selbstzweifel folgen auf dem Fuße. Aus mir wird nie ein Schriftsteller! Ich merke, dass auch dieser Gedanke abgeschmackt ist, und greife nach meinem Bier. Rauch liegt in der Luft und gerne hätte ich auch eine Zigarette. Ich sehe den Mann mit dem Hund an und er fängt meinen Blick auf.

„Guten Abend, der Herr!“

„Guten Abend!“

Ich muss meine Stimme erheben, weil er so weit von mir weg steht und Musik läuft – Eminem: „Lose yourself in the music, the moment …“

„Ich sehe, dass sie schreiben.“

„Ja.“

„Hab ich direkt gesehen! Da schreibt einer! Hab ich direkt gesehen! Wer schreibt, der bleibt!“

„Richtig, wer schreibt, der bleibt!“

„Das ist ein Zitat!“

„Ja, aber von wem?“

„Ein Zitat ist das!“

„Richtig, aber von wem?“

„Was?“

„Wer hat das gesagt?“

„Das weiß ich nicht, Goethe oder Schiller.“

„Ja, wahrscheinlich.“

„Ich will Sie nicht von der Arbeit abhalten. Ich hab direkt gesehen, dass sie schreiben! Machen Sie nur weiter. Es ist nur …“

Er stellt sein Glas ab und macht einen Schritt auf mich zu.

„ … heute ist ein besonderer Tag … ein ganz besonderer Tag!“

„Ach, ja? Und warum?“

„Heute wird der Gute hier …“

Er zeigt auf den schlafenden Hund.

„… 60 Jahre alt. Und das heißt: nur noch fünf Jahre bis zur Rente!“

„Oh, dann herzlichen Glückwunsch!“

„Musst du nicht mir sagen, sondern ihm!“

Er gibt dem Hund einen Stupser mit dem Fuß, woraufhin dieser ein paar Mal blinzelt, nur um dann die Augen wieder zu schließen und weiterzuschlafen.

„Der ist müde. Wir haben den ganzen Tag gefeiert.“

„Das glaube ich.“

„Und in fünf Jahren, wenn er in Rente geht, dann wird erst richtig gefeiert!“

„Welchen Beruf hat er denn?“

„Polizist!“

Der Mann lachte in sich hinein.

„Ausgebildet in Spanien!“

„Was?“

„Spanien! Er wurde in Spanien ausgebildet!“

„Ach so!“

„Drogendezernat! Hat nämlich ne gute Nase!“

„Muss dann ja!“

„Hier hat er auch schon mal was erschnüffelt!“

„Und was?“

Der Mann macht eine Geste, als würde er Schnupftabak schnupfen und nickt dann in den Raum hinein.

„Auf dem Klo!“

Die beiden Typen am Tresen werfen ihm einen finsteren Blick zu, die Blondine schüttelte den Kopf. Der Mann sieht es.

„Aber ich bin jetzt ruhig! Will ja niemandem auf die Füße treten. Wir wollen nur in Ruhe Geburtstag feiern, nicht wahr? Nur in Ruhe feiern wollen wir, stimmt‘s …“

Ich verstand nicht, was er dann nuschelte und frage nach.

„Wie ist sein Name?“

„Cuatro!“

„Cuatro, wie die Zahl?“

„Genau!“

„Wieso das?“

„Na, er hat doch vier Pfoten, oder nicht?“

Ich lache.

„Das kann man nicht abstreiten.“

„Siehste!“

Der Hund steht auf. Er streckt sich und wird dann unruhig.

„Ja, haben wir dich geweckt? Jahaha … Wir haben dich geweckt, nö?“

Er beugt sich zu dem Tier herunter und krault es am Kopf.

„Und jetzt musst du mal, seh ich doch! Na, dann komm!“

Er greift sich die Schlaufe der Leine und die beiden tapsen nach draußen. Ein paar Augenblicke ist es still in dem Raum. Dann dreht sich einer der Männer an der Bar zu mir um.

„Den darfst du nicht ernst nehmen, der trinkt gerne mal einen zu viel.“

„Oder zwei“, raunt der andere, ohne sich umzudrehen.

„Mach ich nicht.“

„Der is auch nicht immer hier.“

„Mich stört er gar nicht.“

„Aber uns!“

Darauf antworte ich nichts mehr und er dreht sich wieder um, nur um sich mir dann doch wieder zuzuwenden:

„Du musst mal dienstags kommen, da gibt’s hier Live-Musik!“

„Gut zu wissen. Vielleicht ziehe bald in die Gegend, dann schaue ich dienstags mal vorbei.“

„Wo wohnst du denn jetzt?“

„Im Wedding.“

„Ok, das ist natürlich ne Ecke. Aber es lohnt sich. Ich heiße übrigens Peter. Und das ist Horst.“

Er schlägt dem Mann neben ihm auf die Schulter und der dreht sich kurz zu mir um und nickt.

„Und unsere hübsche Bardame hier heißt Moni.“

Auch Moni sieht mich daraufhin an und lächelt.

„Hallo!“

So abgelebt sieht sie gar nicht aus.

„Ich heiße Max.“

„Freut uns, Max! Wenn du willst, setz dich zu uns.“

Da es unhöflich wäre, diese Einladung auszuschlagen, und da ich wohl ohnehin nicht mehr zum Schreiben kommen werde, wechsle ich den Platz. Die Männer geben mir jetzt beide auch noch die Hand, Moni lächelt mir erneut zu, woraufhin ich mich unweigerlich frage, wie es wäre, mit ihr zu schlafen. Horst reißt mich aus diesem Gedanken. Er beugt sich vor, um an Peter vorbeisehen zu können. Er hat matte blaue Augen und ist glattrasiert. Seine aschblonden Haare sind kurz und in keiner Form, die sich in einem Nebensatz beschreiben ließe. Es sind einfach Haare auf seinem Kopf, nicht dünn, nicht dicht, nicht glatt, nicht lockig. Er trägt einen dunkelblauen Troyer und wie der Kerl mit dem Hund Blue Jeans. Auch Peter trägt Blue Jeans.

„Und du bist Schriftsteller, oder was?“

„So ähnlich, ja.“

„So ähnlich, so, so.“

„Ja, so ähnlich.“

„Ich versteh schon. Und was schreibst du so Ähnliches?“

„Ach, Verschiedenes. Meistens über Dinge, die mir mal passiert sind.“

„Hast grad über uns geschrieben, was?“

„Nein.“

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